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Schritt für Schritt: Entstehungsprozesse

Anderen beim Nähen über die Schulter zu schauen kann eine spannende Sache sein. Man lernt neue Tricks und Kniffe, verfolgt Freude und manchmal auch Verzweiflung und bekommt Ideen für eigene Kreationen. Hier könnt Ihr Schritt für Schritt den Entstehungsprozess Eurer Werke dokumentieren, angefangen vom Stapel mit den ausgesuchten Stoffen und dem Schnitt bis hin zum fertigen Stück. Am besten schreibt Ihr während Ihr näht, dann können andere mitfiebern und Ihr werdet gleichzeitig motiviert.


Bittere Medizin? - Krankenschwester-Uniform um 1900

Schritt für Schritt: Entstehungsprozesse


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  #1  
Alt 16.09.2018, 13:58
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Bittere Medizin? - Krankenschwester-Uniform um 1900

Moin Moin liebe Hobbyschneiderinnen und Hobbyschneider,

Tarlwen wiPt mal wieder. Und mal wieder wird's historisch - naja fast.


Für ein LARP Anfang kommenden Jahres benötige ich mal wieder ein Outfit. Der Con spielt in einer „Irrenanstalt“ in den 20er Jahren im Harry-Potter-Universum und ich spiele eine Heilerin – sprich medizinisches Personal.
Es muss also – der leichten Erkennbarkeit halber - etwas in Art einer Krankenschwester her. Zum Glück gibt die SL keine Uniformen vor - ich kann mich also austoben. (Falls sich jemand über den Thread-Titel wundert, das LARP heißt "Bittere Medizin im St. Hilarius" )

Da ich sowieso schon länger mal (z.B. für Halloween) eine Krankenschwesternuniform um 1900 herum machen wollte, schlage ich sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Da der Charakter ein bisschen oldschool angelegt ist, muss die Klamotte nicht allzu modern sein. (gut für mich, denn 20er-Jahre-Garderobe steht mir einfach nicht. )

Ich habe zwar noch etwas Zeit bis zum LARP, aber im Oktober hat sich für mich eine wirklich einmalige Chance für ein Fotoshooting ergeben, wo das Outfit (bzw. der historische Teil davon) hervorragend zu passen würde. Also muss ich jetzt etwas Gas geben.


Wie so oft bei mir wird es auch hier möglichst historisch, ohne Anspruch auf 100%ige Authentizität. Ich verwende Baumwoll- und Leinenstoffe und nähe mit meiner guten alten Pfaff 30 mit Fußantrieb.

Ich dachte mir, ich mache mal wieder einen WiP, vielleicht hilft es ja jemandem, der etwas Ähnliches vielleicht für Karneval, Theater, Mottoparties ect. machen möchte. In Schwarz taugt das Outfit z.B. auch gut für Stubenmädchen.

Ich freue mich, wenn Ihr Lust habt, dabei zu sein!


Also, los geht's:

So soll es am Ende aussehen:

schwester_entwurf_web.jpg


Später kommt dazu noch ein Überwurf á la Madam Pomfrey (die Krankenschwester aus Harry Potter) dazu, der dem Ganzen ein bisschen mehr „Fantasy“-Anstrich verleiht, aber da habe ich noch keine abschließende Idee. Nur einen Stoff: einen wasserblauen Chenille-Vorhang, passend zum Stoff der Uniform, den ich vor ein paar Jahren geschenkt bekommen habe und der mir dafür ganz passend erscheint.

Nach eingehender Bilderrecherche historischer Fotos von Krankenschwestern habe ich mich für das Kleid für einen blau-weißen Baumwollstoff mit Zündholzstreifen entschieden, Schürze und Haube mache ich aus weißem Köper, für den Unterrock nehme ich weiße Baumwolle in Leinwandbindung.
Dazu kommt noch ungebleichtes Leinen als Einlage für Unterrock, Kragen, Rockbund ect.

DSCF9986.jpg


Über den Schnitt habe ich lange nachgedacht und bin immer wieder zwischen Kleid und Rock-Taille/Bluse-Kombi hin und her geschwankt.
Wie genau die Kleider bzw. Uniformen aussehen, sieht man auf alten Fotos nie, da immer die dazu gehörige Schürze darüber ist. Sicher ist nur: Blau- oder Grautöne scheinen vorherrschend gewesen zu sein, unifarbene oder gestreifte Stoffe.
Da ich aber keine Schwester aus einem bestimmten Krankenhaus oder Orden darstellen möchte, bin ich an der Stelle nicht so eingeschränkt.

Die Schnitte folgen mehr oder weniger der vorherrschenden Mode, vor allem in der Form der Ärmel und Röcke.
Die Röcke sind in der Regel knöchellang, vorn geknöpfte, hochgeschlossene Taillen/Blusen mit Stehkragen sind obligatorisch.
Aber was man eben nicht sieht ist, ob es zusammenhängende Kleider oder Röcke und Taillen/Blusen waren. Wahrscheinlich gab es beides.
Ich hatte vor kurzem DRK-Uniformen aus dem 50ern in der Hand, das waren zusammenhängende Kittel, in hellblau.

Letztendlich bin ich dann bei Rock und Bluse gelandet, hauptsächlich weil das mehr Bewegungsfreiheit bietet als eine steife Taille und ich finde es praktischer als ein Kleid. Ausserdem könnte ich mir den gestreiften Rock mit einer feineren Bluse und Hut gut als Sommerfrische-Garderobe für einen Spaziergang am Strand vorstellen.

Auf dem Plan stehen also:
- Unterrock
- Rock
- Bluse
- Haube & Schürze
- Überwurf
- Accessoires (Sanduhr, Zauberstabholster ect.)
- evtl. Chemise (wenn ich noch Stoff übrig habe)


Eigentlich gehört unter die Tracht zu der Zeit natürlich ein Korsett.
Weil ich nicht drei Tage bis zum Anschlag eingeschnürt rumlaufen und spielen möchte, mache ich mir eine light-Variante: einen versteiften Miederunterrock.
Der gibt mir die nötige entsprechend steife Haltung und halbwegs die richtige Silhouette, ist aber nicht so stark versteift wie meine Korsetts. (Und es ist ein Teil weniger an zu ziehen )
Der Schnitt ist schon LARP-erprobt, da halte ich es sehr gut ein Wochenende durchgehend drin aus.

Gleich geht's mit dem Unterrock los.
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  #2  
Alt 16.09.2018, 15:07
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AW: Bittere Medizin? - Krankenschwester-Uniform um 1900

Als Basis nehme ich den Miederrock von marquise.de.

Ich beginne mit dem innen liegenden Miederteil, dessen sieben Teile ich zwei Mal aus einem steifen Köper zuschneide.

DSCF9989.jpg

Die Teile nähe ich jeweils zusammen, schneide die Nahtzugaben ein und bügel die Nahtzugaben auf dem einen teil alle nach links, auf dem anderen Teil alle nach rechts.

DSCF9988.jpg

Beide Hälften lege ich nun mit den Nahtzugaben nach außen aufeinander und steppe beide Teile an der hinteren Mitte zusammen. Wenn ich das Wende, liegen die Nahtzugaben innen und die hinteren Kanten, an denen Später die Schnürung liegt, sieht sauber aus.
Anschließend steppe ich die späteren Stabtunnel. Sie folgen den Nähten plus zwei Stäbe in der vorderen Mitte. Dadurch, dass ich die Nahtzugaben in unterschiedliche Richtungen gebügelt habe, werden sie durch die Tunnelnähte festgesteppt und der Zug liegt nicht auf den Nähten.

Die untere Kante fasse ich mit Satinschrägband ein.
Die obere Kante bleibt erst mal offen, da müssen später die Stäbe rein.


Das Teil lege ich jetzt erst mal zur Seite und kümmer mich um den Oberstoff:
Bis zur Taillenlinie entsprechen die Teile dem Miederfutter, darunter setzt der Unterrock an.
Hier die oberen Teile:

DSCF9995.jpg

Das vordere Mittelteil kann ich genau so in einem Teil zuschneiden, wie es der Schnitt vor sieht, denn zu der Zeit sind die Unterröcke an der Vorderseite nicht mehr eingehalten. Die restlichen Teile (je zwei Mal vorderes und hinteres Seitenteil, Hinterteil) sind im Grunde Trapeze.
Leider kann man auf dem Foto nicht so viel erkennen – Weißes Papier auf weißem Stoff gibt nicht so viel Kontrast her.

DSCF9994.jpg

Jetzt setze ich erst mal pro Seite beide Seitenteile und Hinterteil zusammen. Das mache ich mit Kappnähten, das erspart mir das Versäubern und ich finde es einfach ordentlicher – vor allem von Innen.

Die vorderen Seitenteile liegen die ersten 5 cm glatt, danach werden sie eingekräuselt. Hinterteil und seitliches Hinterteil werden komplett eingekräuselt.
Gekräuselt habe ich die Teile ganz klassisch mithilfe von zwei Reihen langem Steppstich, deren Unterfäden angezogen werden.

Jetzt setze ich die oberen und unteren Teile zusammen und anschließend das rechte und das linke Teil an das Vorderteil.

DSCF9997.jpg

DSCF9996.jpg

Die hintere Mittelnaht bleibt erst mal offen. Das erleichtert das annähen der Saumrüschen später.


Bevor Miederfutter und Außenstoff jetzt an der Oberkante und aneinander genäht werden, muss der Federstahl in die Tunnel, der dem Miederteil seine Form gibt. Wie meistens klebe ich die offenen Enden der Stahlstäbe mit Gaffatape ab, so sind sie beim Waschen auch vor Rost geschützt.

Dann nähe ich Oberstoff und Miederteil an der Oberkante aneinander. Damit es nicht so langweilig aussieht, gibt es noch ein kleines bisschen Deko: Ich setze eine schmale Baumwollstpitze auf ein aufgefaltetes Stück Satinschrägband und nähe es dann so auf, dass die Spitze unter dem Schrägband raus schaut.

DSCF9998.jpg

Wenn die Oberkante mit dem Schrägband eingefasst ist, sieht das dann so aus:

DSCF0004.jpg

Das Schrägband ist ein blödes dünnes Poly-Zeugs und verzieht sich manchmal. Ich bin froh, dass mein Vorrat davon mit diesem Unterrock aufgebraucht sein wird.

Der Rock wird im Rücken durch die Schnürung des Miederteils geschlossen.
Die Nahtzugabe des Aussenstoffs ziehe ich um die Kante des Miederteils, schlage die offene Kante der Nahtzugabe schmal ein und steppe sie durch alle Lagen fest.
Anschließend schlage ich die Ösen ein.

Der Rockteil braucht am Ende einen Schlitz, durch den ich in den Rock einsteigen kann. Die ersten 20 cm der hinteren Mittelnaht schlage ich jeweils zwei mal schmal ein und steppe die Kante fest.

DSCF0002.jpg
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  #3  
Alt 16.09.2018, 15:18
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AW: Bittere Medizin? - Krankenschwester-Uniform um 1900

Endlich !!

Wir haben doch schon alle so lange auf einen neuen WIP von dir gewartet
__________________
LG Bianca

Wenn du stark bist, dann beginne, wo du stark bist. Wenn nicht, beginne dort , wo du deine Niederlage am leichtesten verschmerzen kannst.
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  #4  
Alt 16.09.2018, 15:20
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AW: Bittere Medizin? - Krankenschwester-Uniform um 1900

Um den Korsett-Effekt optisch noch etwas zu steigern, nähe ich zwei dünne, mit Volumenvlies gefüllte, halbmondförmige Kissen, die auf die Hüftteile des Miederteils aufgenäht werden.

DSCF0007.jpg

DSCF0008.jpg

Der Rock ist jetzt bis auf den Saum fertig.
Der macht allerdings mit am meisten Arbeit: Der Saum bekommt als erstes auf der Innenseite einen 10 cm hohen Beleg aus Leinen. Die obere Kante wird schmal eingeschlagen und fest gesteppt, um die untere Kante schlage ich die Saumzugabe.

DSCF0010.jpg


Jetzt sind die Rüschen dran:
Bei Unterröcken aus der Zeit um 1900 herum sieht man öfter zwei übereinander liegende Rüschen. Die unten liegende Rüsche ist schmaler (bei mir 12 cm) und stützt die darüber liegende 25 cm breite Rüsche.

Für meine Rüschen reiße ich Streifen in der entsprechenden Breite, setze sie mit Kappnähten aneinander, bis ich die gewünschte Länge erreicht habe und versäubere die untere Kante mit dem Säumerfuß.
Bei mir ist jetzt endlich der Knoten geplatzt, wie das mit diesem Fuß funktioniert. Ich habe den Anfang des Stoffs früher nie gerade in die Schnecke rein bekommen, geschweige denn, dass der dann auch schön gleichmäßig weiter durch die Schnecke läuft.

DSCF0015.jpg

Der Trick ist, am Anfang der zu versäubernden Kante ein paar Zentimeter Steppstich knapp neben der Kante zu machen. So lässt sich der Stoff einfach und grade in die Schnecke einlegen. Das war leider nicht meine Idee, sondern ich habe es aus diesem Video.
Der Fuß hilft bei fast 20 Metern Rüschensaum ungemein.
Die dicken Kappnähte gehen natürlich nicht gut durch die Schnecke, deswegen habe ich die Nahtzugaben vor dem „kappen“ zurück geschnitten.

DSCF0016.jpg


Die Rüschen kräusel ich mit Hilfe des Rufflers. Das muss ich mit der Brother machen, weil ich für die Pfaff keinen Ruffler habe.
Den gab (und gibt wenn man Glück hat) es aber als Zubehör und er unterscheidet sich nicht großartig von meinem Neuen.

DSCF0029.jpg

Die erste Rüsche, die auf den Rock kommt, ist die untere, schmale:
Die obere, gefältelte Kante brauche ich nicht zu Versäubern, die verschwindet gleich.
Ich markiere mir die Position der Rüsche auf dem Rockteil und setze die Rüsche falsch herum auf:

DSCF0023.jpg

Dann klappe ich die Rüsche nach unten, so dass sie jetzt richtig herum liegt, stecke sie fest und steppe anschließend drüber. So ist die Nahtzugabe verpackt und die Kante sieht sauber aus. Weil ich mich entweder vermessen oder verrechnet habe, steht die Rüsche jetzt einen guten cm über den Rocksaum hinaus, aber damit kann ich leben.

DSCF0024.jpg

Die breite Rüsche bekommt vor dem Rüschen erst mal noch vier Biesen.
Biesen sehen nicht nur hübsch aus, sie versteifen auch die Rüsche und geben ihr so mehr Stand. Jede Biese muss ich einzeln markieren, falten und festnähen.

DSCF0020.jpg

Wenn die Biesen fertig und gebügelt sind, kann ich die Rüsche „ruffeln“ und muss aber noch die obere, offene Kante abschließen. Dafür nehme ich das Deko-Element mit der Spitze und dem Satinschrägband wieder auf und fasse damit die offene Kante ein.

DSCF0030.jpg
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  #5  
Alt 16.09.2018, 15:27
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DSCF0031.jpg


Auf der Rückseite lasse ich das Satinband ungefaltet, das Ganze muss ja nicht noch dicker werden, als es eh schon ist.

Jetzt kann ich die Rüsche auf den Rock setzen - diesmal richtig herum.

Als letztes fehlt noch die hintere Mittelnaht.
Die kann ich jetzt schließen und auch die Nähte der einzelnen Rüschen schließen.

Damit ist der Rock fertig.
(Das klingt jetzt schnell, aber ich habe mal mitgerechnet: Das waren bis jetzt 35 Arbeitsstunden.)

Es ist ein ganz schöner Trumm geworden, aber er wird den darüber liegenden Rock gut stützen können.

Hier könnt Ihr noch mal das mit den zwei Rüschen gut sehen:

DSCF0037.jpg

DSCF0039.jpg

Ich bin mit dem Ding wirklich zufrieden und es macht für meine Verhältnisse eine gute Figur, ohne dass ich zu sehr schnüren muss.

DSCF0048.jpg

DSCF0052.jpg

DSCF0053.jpg

DSCF0054.jpg
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