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Tutorial Jackenärmel

Fragen zu Schnitten


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  #1  
Alt 01.11.2010, 12:53
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Tutorial Jackenärmel

Hallo miteinander!

Wenn es ein Detail gibt, mit dem ich bei kommerziellen Schnitten immer unzufrieden bin, dann sind das die Schultern und die Ärmel. Die Schnitthersteller gradieren die Schnitte ja zu Tode, sodass ich bei meinen Rundmaßen schon Männerschultern haben müsste, um diese Rugby-Monster auszufüllen.
Was mache ich also normalerweise? Ich probiere die Teile ohne Ärmel an und zeichne mir die Armlöcher direkt am Körper an (oder schneide sie aus). Nur: dann passen die Ärmelkugeln des Schnitts nicht mehr rein.

Daher habe ich mir jetzt systematisch alle meine Schnittkonstruktionsbücher, Kopien und Scans vorgenommen und deren Ärmelaufstellungen studiert bzw. im Maßstab ausprobiert, um die beste Ärmelkonstruktion zu finden. Hier kommt das Ergebnis.

1.Folgende Schnittsysteme ignoriere ich, weil sie mit Konstruktionsmaßen arbeiten, die von der Oberweite abgeleitet sind: Müller & Sohn (1956 und 1960), das Einheitssystem aus der DDR (1956), die Schweizerische Schneiderfachschule (Otto Meier 1953) und die Allgemeine Schneiderzeitung (1971-75). Bei Männern haben sich diese Ableitungen sicher bewährt, aber mir leuchtet nicht ein, warum z.B. eine zart gebaute Frau mit einer vollen Brust eine massivere Armkugel braucht als ihre Schwester, die den gleichen Körperbau, aber weniger Busen hat. Und wenn sich unsere vollbusigere Schwester die Brust verkleinern lässt, braucht sie dann einen anderen Ärmel? Das wäre ja absurd.
2.Ebenso mache ich um René Bergh einen Bogen, weil ihre Ärmelkugeln fast symmetrisch sind (zuwenig Bewegungsspielraum im Rückenbereich).
3.Sehr brauchbar hingegen erscheinen mir jene Systeme, wo der Ärmel aus dem Schnitt des Armlochs hergeleitet wird: Archibald Whife, das Schweizer Unicut-System und Winifred Aldrich. Das ist einerseits logisch und andrerseits sehr praktisch. Aldrich ist sehr ähnlich zu Whife, aber da trau ich mich aus urheberrechtlichen Gründen nicht, Genaueres zu veröffentlichen. Wer nachlesen will: „Pattern Cutting for Women's Tailored Jackets“ ist um teures Geld beim Buchhändler Eures Vertrauens erhältlich.
4.Fast amüsiert habe ich mich über das einfach-genialische System von Antonio Laraia, von dem mir aber Alfred Konsal versichert hat, dass es funktioniert. (Das ist jener legendäre Wiener Herrenschneidermeister, den Ruth Sprenger im Buch „Die hohe Kunst der Herrenkleidermacher“ portraitiert hat. Zufällig ist er ein Nachbar von mir und ein sehr netter Mensch, sodass ich ihn immer wieder mit Fragen löchern kann.)
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  #2  
Alt 01.11.2010, 12:54
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Das Armloch

Nun aber medias in res. Zunächst einige Bemerkungen zum Armloch.

Ein gutsitzender Ärmel braucht ein gutsitzendes Armloch, das man wiederum nur kriegt, wenn auch der Rest stimmt. Wir brauchen also einen Rücken, der genügend Platz für die Schulterblätter lässt (bei Wollstoffen durch Dressur, bei den übrigen Materialien durch Abnäher), und Vorderteile, die an der Brust richtig sitzen (richtige Höhe des Brustpunkts, richtige Abnähergröße, richtige Vorderlänge). Die Schulternaht soll dem natürlichen Verlauf der Schulter entsprechen und das Armloch soll in den Kurvenbereichen eingebügelt sein. Diese Einhaltebereiche werden mit einem Band oder mit doppelter Knopflochseide in Kettstich gesichert.
Und jetzt ganz wichtig: ein bewegungsfreundliches Armloch ist hoch geschnitten. Das macht eine Jack zwar nicht gerade bequem beim An- und Ausziehen, aber nur ein hohes Armloch bietet die nötigen Bewegungsreserven.
Nun ist „hoch“ natürlich ein relativer Begriff. Einige Schnittsysteme berechnen die Rückenhöhe (Abstand vom Halsring bis zur Höhe eines waagrecht unter den Arm gelegten Lineals) proportional, andere messen sie am Kunden. Jedenfalls liegt bei allen Systemen der tiefste Punkt des Armlochs auf dieser Linie bzw. einen halben Zentimeter darunter. Keine Rede also von diesen Riesenlöchern, an die wir uns aus der Konfektion gewöhnt haben, aber dafür rutschen die Schultern nicht bei jeder Bewegung bis zu den Ohren.
Auf die Spitze getrieben wurde dieser Ansatz von Mademoiselle Chanel, die selbst ja wirklich mager war und ihre Armlöcher auf das absolute Minimum reduzierte. Kein Wunder, dass es bei den Couturejacken angeblich nicht einmal Aufhängeschlaufen gibt, denn die zieht man untertags ja eh nicht aus. Offiziell, weil sie sich am Körper unglaublich bequem anfühlen, aber vermutlich auch, weil das An- und Ausziehen ein wenig sperrig ist. Allerdings haben diese Ärmel ist doch eine unglaublichen Perfektion, nicht wahr?
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  #3  
Alt 01.11.2010, 13:04
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Der Ärmel von Archibald Allon Whife

Diese Konstruktion habe ich noch nicht ausprobiert, aber sie erscheint mir sehr einleuchtend. Hier findet sich die Originalanleitung. Mit Dank an C&T für die Veröffentlichung!

Zunächst markiert man am (nach der Anprobe korrigierten) Schnitt des Armlochs folgende Punkte: am Vorderteil den Punkt E (¾'' = 19mm über der Armlochlinie), am Rückenteil die Punkte A (normaler Konstruktionspunkt, entspricht Rückenbreite plus Bewegungszugabe) und F (1 ¼'' = 32 mm unterhalb von A). F kann aus designerischen Gründen verschoben werden. B, C und D erklären sich eh von selbst.

Außerdem braucht man ein Körpermaß, das ich so in keinem deutschsprachigen Buch gefunden habe. Whife nennt es Ärmellänge und man misst sie wie in der Abbildung links unten vom der Rückenmitte (X) weg. Dann die Rückenbreite abziehen.

Als erstes zeichnet man die rechtwinkeligen Grundlinien O-2-9, dann kommt man auf folgende Punkte:
O-1: Distanz von A nach B
1-2: Summe aus A nach C und D nach E minus 1'' (25,4 mm), dann eine Senkrechte zu O-2 zeichnen (am besten länger als in der Skizze = reichlich bis zum Handgelenk, Anm. eboli)
3 liegt in der Mitte zwischen O und 2
4 liegt 2'' (50,8 mm) über 3 auf einer Senkrechten zu O-2. Für die Strecke 3-4 kann auch 2/3 von A-C genommen werden.
5 ist der Schnittpunkt von O-3 und 1-4
6 liegt auf der Senkrechten zu 1-4 im Abstand von 1 ¼'' (32 mm)
7 ist eine Fortsetzung der Ärmellinie, geschnitten mit einer Parallelen zu O-2 im selben Abstand wie A-F
8 kriegt man, indem man zunächst einen Kreisbogen zieht (Mittelpunkt 7, Radius Ärmellänge plus ¼ '' = 6,3 mm). Dann misst man 1/3 fertige Handgelenksweite minus ½'' ( 12,7 mm) herein (Parallele zur Senkrechten von 2 abwärts: der Schnittpunkt ist 8).
9 liegt gegenüber von 8 auf 2-9
10 liegt 1 ¼'' (32 mm) über 9. 10 und 8 durch Gerade verbinden.
11 ist die Mitte zwischen 1 und 10
12 ist der Schnittpunkt der Senkrechten von 2 abwärts mit der Senkrechten von 11 nach links
13 liegt 1 ½'' (38 mm) neben 12. Verbindungslinien zu 1 und 10 zeichnen. Wenn man diese Linie als Teilungsnaht nimmt, muss der Knick um 3/8'' (9,5 mm) ausgefüllt werden (strichlierte Linie).
14 Schnittpunkt der Parallelen in 7 mit einem Kreisbogen (Mittelpunkt 1, Radius E-F). Verbindungslinie ziehen.
15 liegt um 1/6 Oberweite neben 1. Verbindungslinien zu 1 und 14 zeichnen. Die Ärmellinie soll an einem Punkt ¼'' (6 mm) über 14 beginnen und das Eck bei 15 um ½'' (12,7 mm) ausfüllen.
Da sich aber der Bogen ja mit dem Armloch decken soll (siehe Diagramm 3), kann man 15 so finden und/oder die Ärmellinie damit zeichnen (Anm. eboli).
16 liegt 1'' (25,4mm) neben 12
17 liegt um ½'' (12,7mm) neben 8
Beim Zeichnen der hinteren Nahtlinie des Unterärmels soll bei 14 ca. ¼'' (6,3 mm) zugegeben werden (s. Diagramme 2 und 3). Achtung: dieses „Eck“ nicht mit dem Anzeichnen der Nahtzugaben in der Herrenschneiderei verwechseln. Die Zeichnung ist netto und allfällige Watteauflagen müssen dazugezeichnet werden. (Anm. eboli)
18 und 19, sowie 20 und 21 liegen um ¾'' (19 mm) neben 1 und 10. Dadurch verschwinden beide Nähte unter dem Ärmel.
Angehängte Grafiken
Dateityp: jpg whife ärmellänge.jpg (32,3 KB, 1741x aufgerufen)
Dateityp: jpg LadiesSleeveTC002.jpg (28,7 KB, 1737x aufgerufen)

Geändert von eboli (01.11.2010 um 13:36 Uhr)
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  #4  
Alt 01.11.2010, 13:07
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Der Unicut-Ärmel

nach Robert Rähle: Unicut, Einheitliches Schnittzeichnen für Damen- und Herrenbekleidung: Solothurn, 1978

Es werden folgende Konstruktionsmaße verwendet:
1)Die Ärmellänge = Abstand von der Achselhöhle (Lineal dort waagrecht einklemmen) bis zum Handgelenk
2)Den Durchmesser= Armlochumfang am korrigierten Schnitt ausmessen und um 1/8 reduzieren. Davon die Hälfte.
3)Die Kugelhöhe: Abstand von K zu O4 um reichlich 1/10 kürzen. Wenn die Differenz zum Durchmesser weniger als 3 cm = Minimum beträgt (realiter sind es meist 4 cm), muss die Kugelhöhe entsprechend verkürzt werden.

Man zeichnet in D zwei rechtwinkelige Gerade.
D-D1 entspricht dem Durchmesser
D2 liegt auf der Mitte zwischen D und D1, Senkrechte auf D2
D-U2 ist 2/3 des Durchmessers
U2-U4 ist 1/3 des Durchmessers (Senkrechte auf U2)
V liegt 4cm über U2
U4-K entspricht der Kugelhöhe
K1 liegt auf der Geraden U4-D1 im Abstand einer Kugelhöhe von U4. Kreisbogen von K zu K1 ziehen
K2 liegt in der Mitte von K-K1 ½ über dem Kreisbogen
D-K3 ist die Differenz von Durchmesser minus Kugelhöhe
K3-K4 ist 1 ½ cm
U2-P entspricht der Ärmellänge
U2-E ist die Hälfte von U2-P minus 1 cm
E1 Senkrechte ab K1 geschnitten mit der Senkrechten von E nach rechts
E2 1cm neben E
E3 1 bis 1 ½ cm neben E1
P1 1 cm neben P
P1-P2 Hälfte der gewünschten Handweite plus ½ cm
P3: E3-P2 verlängern, Geodreieck anlegen und eine Senkrechte in P1 zeichnen. Wo die auf E3-P2 trifft, ist P3

Um die Teilungsnähte unter den Ärmel zu verstecken, werden diese um 1 ½ cm nach innen verlegt. Das heißt: der Unterärmel wird um diesen Betrag verkleinert, der Oberärmel vergrößert. (Siehe Skizze)
Wenn die Schulter gepolstert werden soll, muss man laut Zeichnung verfahren. Man gibt die Polsterdicke plus ½ cm dazu. Wichtig: für die Berechnung von Durchmesser und Kugelhöhe ignoriert man diese Erhöhung!!

Rähle zeigt auch eine sehr schöne Möglichkeit, den Ärmel bei stärkeren Oberarmen abzuändern. Zuerst misst man den Schnitt aus und schaut, wieviel cm fehlen (Faustregel: Oberarmumfang plus 4 cm Bewegungszugabe). Von dem Fehlbetrag gibt man 2/3 beim Oberärmel zu und um das restliche 1/3 dreht man den Unterärmel auf. Dort arbeitet man dann einen 4 cm langen Abnäher.

Wegen des Abnähers habe ich Herrn Konsal gelöchert und er meinte, das sei schon in Ordnung. In seiner Lehrzeit hätte man die Unterärmel von korpulenteren Herren sogar in kleine Falten gelegt. Besser sei natürlich, die Mehrweite durch Bügeln einzuhalten. (Naja, er ist halt ein wirklicher Könner....)

Aber nochmals zum Unicut-Ärmel: der hat eine Mehrweite von ca. 10%, was eine ganze Menge ist. Die Industrie arbeitet mit höchstens 8%, die Maßschneiderei mit unglaublichen 12%, aber der Komfort eines stark eingehaltenen Ärmels ist unübertroffen.
Falls man die Mehrweite des Unicut-Ärmels regulieren muss (z.B. weil man mit einem Stoff arbeitet, der sich nicht gut einhalten lässt), kann man das durch Wegfalten oder Aufdrehen des Oberärmels machen (Einschnitt vom Schulterpunkt S3/K auslaufend zum Ärmelsaum).
Eingehalten wird die Mehrweite bei diesem Schnitt nicht nur um die Kugel wie bei den Hobbyschnitten eingehalten, sondern sie wird um den ganzen Ärmel folgendermaßen verteilt: 20% von U4 bis V1, 20% von V1 bis S3 (= K) und der Rest (60%) von S3 bis U4.

Diesen Schnitt kann ich mit gutem Gewissen empfehlen! (Beweisfotos muss ich schuldig bleiben, weil ich aus meinen Kostümen herausgewachsen bin.)
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Dateityp: jpg unicut2.jpg (34,8 KB, 1814x aufgerufen)
Dateityp: jpg unicut3.jpg (47,5 KB, 1827x aufgerufen)
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  #5  
Alt 01.11.2010, 13:10
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Der Chaos-Ärmel

nach Antonio Laraia: Nuovo trattato di taglio volustilometro per abiti su misura e industriali, 8. Auflage, o.O., o.J.

Hier wird nur mit Längen aus dem Rückenteil gearbeitet!! Zum besseren Verständnis habe ich den Rücken abgepaust und mit Ziffern beschriftet, damit man die Bezeichnungen nicht verwechselt.

B-A entspricht 1-I minus 1 cm
C-B entspricht 2-3
D-A entspricht 2-4
E-D ebenfalls 1-I minus 1 cm
F-A entspricht 2-5
G-A ist die Hälfte von B-A
H-B entspricht 1-2
L-A ebenfalls 1-2
M-D entspricht 1-2 plus 1 cm, N rechtwinkelig zu F-M zeichnen
O-I 3 cm
P-Q ebenfalls 1-2

Die Abbildung 144 zeigt die Ärmelabwandlung für Frauen, mit dem einzigen Unterschied, dass die Teilungsnaht anders verläuft, und zwar: Punkt 1 liegt auf der Kreuzung der direkten Linie 2-1 (da fehlt, womit sie kreuzt. Anm. eboli). Daher muss man beim Zeichnen des Oberrärmels aufpassen, dass man den Mehrbetrag genau vom Unterärmel wegnimmt.

Das war's!! Keine Angaben, ob der Schnitt netto oder brutto zu verstehen ist (da gibt es an den Zeichnungen Indizien für beides), um wieviel sich die Kurven von den Hilfslinien entfernen usw....
Ist das nicht total überraschend? Sollte man nach vielen Lernschritten wieder bei Geschmack und Intuition landen? Das kenn ich doch von irgendwoher......
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Geändert von eboli (01.11.2010 um 13:16 Uhr)
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