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Alt 31.10.2011, 22:39
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AW: Selbstgestricktes im Büro?

Mal ein kleiner Exkurs zur menschlichen Wahrnehmung:

Wenn wir einen Menschen sehen, sortieren wir ihn automatisch sofort irgendwo ein.
Das geht von der oberflächlichsten Ebene, nämlich "ist der Mensch wichtig für mich oder nicht?" sprich, nehme ich ihn überhaupt bewußt wahr oder nicht in vielen Abstufungen.

Dieser Mechanismus ist für unser Überleben als Menschen enorm wichtig, denn stellt euch vor, ihr geht an einem Samstag über eine Fußgängzone und müßtet euch über jeden einzelnen Menschen der euch dort begegnet ein fundiertes Urteil bilden.

Tun wir zum Glück nicht, unser Gehirn filtert ganz automatisch. (Menschen bei denen das nicht funktioniert landen in der Psychiatrie bzw. verbringen ihr Leben im besten Fall in einer netten kleinen überschaubaren Wohngruppe.)

Dann ergründen wir natürlich auch bei den Personen, die wir wahrnehmen nicht bei jedem einzelnen die Persönlichkeit. Siehe oben, das wäre nicht zu leisten, abgesehen davon, daß die andere Person das vielleicht gar nicht will. Sondern wir nehmen Menschen häufig in ihrer Funktion wahr. Bei der Friseurin interessiert mich nicht in erster Linie, ob sie ihren Kindern eine liebevolle Mutter ist oder ob sie gut im Bett ist, sondern mich interessiert, wie sie meine Haare macht.
Auch das ist gut, ist richtig, ist wichtig.

Für das Berufsleben bedeutet das, daß wir natürlich von unseren Kunden, unseren Vorgesetzten und unseren Kollegen eingeschätzt werden.
Und die erste, unbewußte Stufe passiert anhand unseres Aussehens. Das ist ein automatischer Filtermechanismus des Gehirns, der überlebensnotwendig ist.
Und in diese erste Stufe fließen die Erwartungen meines Gegenübers stark ein. Natürlich gibt es persönliche Erwartungen, es kann immer sein, daß ich jemandem gegenüber trete, der lila ganz toll findet und deswegen Leute spontan erst mal positiv sieht, die lila tragen. Aber das weiß ich bei einem Erstkontakt nicht und darauf kann ich mich nicht verlassen.

Kleidung hilft uns in vielen Situationen, die Welt zu strukturieren. Wenn mir jemand in einem neutralen Outfit, eben dem typischen Businessoutfit gegenübertritt, dann signalisiert er mir, daß seine Persönlichkeit in diesem Moment hinter meine Belange zurücktritt. Was genau das ist, was ich will. (Und wohl gemerkt, das ist nur der erste Eindruck, wenn die Person dann drei Sätze sagt, die den Eindruck zerstören, dann hilft der schönste Anzug nichts.)
Selbstverständlich hängt es auch von der Tätigkeit und der Branche ab, was ich bei meinem Gegenüber als angemessen empfinde. Würde ich die Putzfrau oder das Kindermädchen im grauen Kostüm, mit Pumps, weißer Bluse und besonders gepflegten, lange Fingernägeln bevorzugt engangieren? Oder wäre mir da eine Jeans, ein Shirt und (beim Kindermädchen) zwei Kinderfingertapser in Kniehöhe nicht sympathischer? Wie viel Vertrauen hätte ich zum Automechaniker im Anzug mit Krawatte?

Zur Erinnerung: Wir reden hier nicht von Freunden, nicht von Menschen, mit denen wir eine persönliche Beziehung aufbauen möchten. Wir reden von Menschen, von denen wir in erster Linie die Qualität ihrer Arbeit nutzen wollen.

Und da die menschliche Wahrnehmnung so funktioniert wie sie das nun mal tut, kann ich mir das zu nutze machen, indem ich bei der Arbeit im Aussehen den Erwartungen meiner Kunden entspreche. Denn in dem Moment werden sie mir erst mal einen Vertrauensvorschuss entgegenbringen und ich muß nicht erst Zeit und Energie aufwenden, um ihr Vertrauen zu bekommen.

Und es gibt bestimmte Kleidungselemente die für die meisten Menschen in einen bestimmten Kontext gehören. Flipflops und Bermudashorts gehören letztlich an den Strand, Rüschen und zarte Farben wie rosa oder bleu werden mit kleinen Kindern assoziiert und signalisieren bei einem Erwachsenen Niedlichkeit und Hilflosigkeit, Klamotten mit Nieten und Löchern signalisieren eine gewisse Aggressivität, viel Schmuck zum eleganten Seidenkleid kann als 'ich habe es nicht wirklich nötig zu arbeiten' verstanden werden und der kurze Glitzerfummel erinnert an die Diskonacht.
Um nur einige Beispiele zu nennen.

ABER:
Die Kleidung ist nur ein Aspekt und je nach Situation mehr oder weniger wichtig.
Zunächst hilft die beste Kleidung nichts, wenn meine Arbeit hinterher nicht das liefert, was mein Aussehen ankündigt.

Und: der optische Eindruck ist um so wichtiger, je seltener und je kürzer ich mit meinem Gegenüber verkehre.
Arbeit ich länger mit den gleichen Kollegen, den gleichen Vorgesetzten, den gleichen Kunden zusammen, lernen die mich und die Qualität meiner Arbeit kennen und die Kleidung wird immer weniger wichtig. Die anderen wissen ja, was ich kann.

Daraus folgt: Kleidung die den Erwartungen der anderen gerecht wird ist am wichtigsten, wenn ich mit vielen Menschen zu tun habe, die ich aber jeweils nur kurz sehe. Wenn ich viele Kunden habe, diese aber nur jeweils kurz sehe (ganz typisch ist hier die Situation an einer Rezeption), wenn ich in einer sehr großen Firma arbeite und mit häufig wechselnden Kollegen oder Abteilungen und mir auch der Vorgesetzte nur selten über den Weg läuft.

Weniger wichtig ist eine "erwartungsgerechte" Kleidung wenn ich wenige Kunden betreue, die ich dafür aber langfristig und häufig sehe (das sind die Situationen wo man für den Erstkontakt die Krawatte rauszieht und später eher nicht mehr), wenn ich in einer kleineren Firma arbeite, wo sich eh alle Mitarbeiter persönlich kennen und der Chef nicht nur einmal im Monat vorbeischneit, sondern in die Arbeitsabläufe integriert ist und auch weiß, wer was tut, dann wird die Kleidung weniger wichtig.

Interessant ist das "Kopfkino" das meine Kleidung, meine Erscheinung beim anderen auslösen auch dann, wenn Fehler passiert sind, wenn man Kunden vertrösten muß, weil der Lieferant nicht so schnell war wie gedacht o.ä.. Bei Bermuda und Flip-Flops denkt der Kunde eher "Na hat der verbummelt, war mit dem Kopf schon im Urlaub, hatte keine Lust mehr zu arbeiten", bei blonden Löckchen zum gerüschten Spitzen Rock mit rosa Flatterblüschen "Niedlich die Kleine, aber wohl zu doof für den Job". Etc... Und egal was ich sage, der Kunde, der Kollege, der Chef denken was anderes.

WAS jedoch die richtige Kleidung ist... das hängt dann auch wieder von der Situation im Einzelnen ab. Wenn alle Kollegen mit Jeans und T-Shirt rumhängen, inklusive des Chefs, da mag ein Anzug eher für Distanz oder gar Furcht sorgen. Auch beim Chef. Das gibt dann keine Gehaltserhöhrung sondern eher die Entlassung.

Deswegen sagt "Bürokleidung" einfach nichts aus. Steuerberater auf der Kö ist ein anderer Anspruch als Disponent in der Spedition.

Und nicht für jeden Job ist die klassische Businesskleidung mit Anzug/Kostüm, Bluse und Pumps ideal. Nicht mal für jeden Bürojob.
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Gruß, marion



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