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eboli 30.09.2012 12:17

Anproben (Maßschneiderei)
 
Zur Zeit nehme ich Haute Couture-Verarbeitungs-Stunden bei einer ganz hervorragenden Damenschneiderin in Wien.
Als erstes arbeite ich an einer klassischen Bluse für mich und habe bisher schon eine Menge gelernt:
1) Schnittkonstruktion nach Müller, oder wem auch immer, ist nur eine Arbeitsgrundlage. Ganz einfach deswegen, weil es unmöglich ist, alle körperlichen Details von vornherein im Schnitt abzubilden.
2) Ein unerprobter Schnitt wird zuerst mit mindestens 3cm Nahtzugabe zugeschnitten, damit man Reserven für die Anprobe hat. Bei mir musste z.B. auf der rechten Hüfte eine Menge rausgelassen werden, weil dort durch die Jahrzehnte des einseitigen Taschentragens die Muskelmasse deutlich größer als links ist.
3) Die endgültige Schnittform wird bei der Anprobe ermittelt. Sogar der Ärmel wird erst bei der Anprobe angesteckt und die Passzeichen werden nachher eingefügt!
4) Es zahlt sich wirklich aus, bei der Anprobe ganz ehrlich hinzuschauen und sich Zeit zu nehmen. Klingt banal, aber für mich ist das eine große Erkenntnis. Ich tendiere bei der eigenen Kleidung durchaus zu Huschhusch.
5) Damit man sich bei den Änderungen auskennt, ist es gescheit, verschiedene Heftfadenfarben für die verschiedenen Bearbeitungsstufen zu nehmen. Also z.B. alles zuerst mit rot für die erste Anprobe heften, dann die Korrekturen aus der ersten Anprobe mit grün für die zweite Anprobe, usw.
6) Erst wenn alles passt, geht es an die Nähmaschine.

Ich war zuerst von der scheinbar langsamen Arbeitsweise irritiert (Nahtlinien markieren, alles heften), aber denke, dass ich mir mit dieser sorgfältigen Vorarbeit letztlich eine Menge Arbeit erspare. So brauche ich kein Nesselmodell anzufertigen oder Maschinnähte aufzutrennen. Außerdem habe ich nachher einen wunderbaren Grundschnitt, den ich nach Belieben umarbeiten kann.

sisue 30.09.2012 12:33

AW: Anproben (Maßschneiderei)
 
Wie gehst du um mit Stellen an denen eine sehr breite, unbeschnittene Nahtzugabe auch mal der Paßformbeurteilung im Weg sein kann, z.B. im Bereich des Armloches?

Isebill 30.09.2012 12:47

AW: Anproben (Maßschneiderei)
 
@eboli: So kenne ich das auch.

Und es ist eigentlich logisch: Auf all diese Schritte kann man nicht verzichten ohne Qualitätseinbußen, sonst würden die Maßschneider sie nicht seit Generationen so machen. Die haben auch schon immer gegen die Uhr arbeiten müssen und wenn es schneller und bequemer ginge, dann hätten sie es so gemacht.

Das muss man sich manchmal vor Augen halten, wenns wirklich gut werden soll.


Nahtzugaben, die wirklich im Wege waren, wurden bei uns in der Aprobe dann eingeschnitten und weggeklappt (nicht: abgeschnitten, das erst als allerletztes).

In meinem aktuellen Nähkurs bekam eine Teilnehmerin letztens eine Mantelanprobe und die Leiterin hat es genau so in der Reihenfolge gemacht, wie es auch eine andere Kursleiterin vor 15 Jahren schon machte und wie es auch meine eigene Schneiderin bei Anproben an mir gemacht hat.

I.
Isebill

lea 30.09.2012 12:51

AW: Anproben (Maßschneiderei)
 
Ich finde das hochinteressant; bitte berichte weiter!
Womit werden denn die Nahtlinien markiert?
Grüsse, Lea

Rumpelstilz 30.09.2012 12:54

AW: Anproben (Maßschneiderei)
 
Danke für diesen Bericht!
Ein Problem bei sowas ist natürlich auch, dass man es können muss - bzw. dass man Gelegenheit haben muss, es zu lernen und zu üben.

Zitat:

Zitat von eboli11 (Beitrag 2025188)
Es zahlt sich wirklich aus, bei der Anprobe ganz ehrlich hinzuschauen und sich Zeit zu nehmen.

Meiner Meinung nach muss man dafür den Blick auch schulen: Wo ist es zuwenig, wo zuviel? Was passiert wenn ich wo etwas rauslasse, etwas wegstecke?
Dazu kommt, dass man ja hinten keine Augen hat und an sich selbst nicht gut abstecken kann.

Ich habe zwar einige Freundinnen die nähen, aber diese Schritte kann auch keiner so richtig gut. Und bei den Nähkursen, in die ich hier reingeschaut habe, ist für sowas nicht wirklich raum (beneide dich deshalb ein bisschen...), weil die meisten primär die grundlegenden Nähtechniken lernen müssen.

Ich könnte schon mal bei einer Schneiderin zwei, drei Stunden buchen, um etwas gut abzustecken etc. Allerdings bräuchte ich länger, um Übung zu bekommen.
(Ist ja auch ein Grund, warum das ein Handwerk ist, das man über Jahre lernen muss).


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